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Aprilscherz: Auftakt für Rettungsfrettchenstaffel!

Am 01.04.11 von Christian Schuh (Allgemein, Einsätze)

Sebastian Krampe war es, der im April letzten Jahres eine bahnbrechende Idee aus einer Ausbildungsveranstaltung der Bundeswehr mitbrachte. Der 25-jährige Rettungsassistent war als ehemaliger Sanitätssoldat auf einer dreiwöchigen Reservistenübung in Schleswig-Holstein eingesetzt. Am Übungsszenario „Zivil-militärische Zusammenarbeit (CIMIC) – Katastrophenschutz“ nahmen auch Einheiten der Hilfsorganisationen, des THW und der Feuerwehr teil – darunter auch eine DRK Rettungshundestaffel aus dem Allgäu.  „Auch nach vielen Stunden in der Lage fanden die Hunde glücklicher Weise noch „Überlebende“ unter den Trümmern, das ist mir heute noch in Erinnerung, wie fleißig die Hundeführer am Werk waren!“ so Krampe.

Krampe fiel allerdings auf, dass die tapferen Vierbeiner mit handfesten Problemen zu kämpfen hatten: „Die Anreise, über tausend Kilometer aus dem südlichsten Teil der Bundesrepublik Deutschland hatte den Hunden schwer zu schaffen gemacht und schränkte ihre Konzentrationsfähigkeit stark ein, da sie ja die 14-stündige Anreise auf der Autobahn in Ihrem Hundeanhänger verbringen mussten. Einige Häuser der Trümmerstrecke des Übungsgeländes waren so sehr zusammengebrochen, dass die Öffnungen der Trümmerteile so klein waren, dass die „Supernasen“ nicht durchpassten – so ein belgischer Schäferhund hat ja auch schon ein ordentliches Stockmaß. Außerdem waren die vierbeinigen Helden aufgrund ihres Gewichts immer der Gefahr ausgesetzt, in den instabilen Trümmern einzubrechen.“

So kam Krampe während des Zusehens auf die Idee statt der Hunde ein anderes Tier einzusetzen: Frettchen! Diese bahnbrechende Idee sendete er sofort aus dem Einsatz an die daheimgebliebenen Kameradinnen und Kameraden.

Allerdings sorgte diese kryptische Nachricht für viele fragende Gesichter beim DRK zu Hause. Nach seiner Rückkehr aus Flensburg platze es schon am ersten Abend am Kreisverband aus dem Rotkreuzler heraus: „Wir müssen uns mit biologischer Ortung beschäftigen, Frettchen (Mustela putorius furo, lat., Anm. der Redaktion) lösen viele Probleme und würden gut ausgebildet und geführt von motivierten Wittener Helferinnen und Helfer als neue Fachgruppe Biologische Ortung bestens in unsere Rotkreuzgemeinschaft passen!“

 

Die Entscheidungsfindung von Präsidium, Vorstand und Kreisrotkreuzleitung dauerte einige Wochen, Krampe setze sich und seine Idee am Ende durch – aufgrund vieler unschlagbarer Argumente und zwei weiteren starken Fürsprechern auf seiner Seite: „Frettchen sind für ihren vorzüglichen Geruchssinn bekannt und wurden bereits sehr erfolgreich zum Aufspüren von Drogen und Waffen eingesetzt. Zwar sind die quirligen, verspielten und possierlichen Tiere nur schwer zu dressieren, doch wenn man erstmal ihren Spieltrieb geweckt und ihre Nase, die sogar noch schärfer als die von Hunden sein soll, auf eine Fährte gesetzt hat, finden sie selbst verschüttete, unter Wasser geratene oder ins Eis eingebrochene Menschen äußerst zuverlässig“ erläutert Dr. med. vet. Klaus-Dieter Paschulke (88), Oberfeldveterinär a.D. der seit 47 Jahren als Vorsitzender des Teckel- und Frettchenzuchtvereins Obere Borbach 1859 e.V. ehrenamtlich tätig ist und das Wittener Rote Kreuz seit dem 1.11.2010 als Fachberater Tiergesundheit verstärkt. Auch Kreisverbandspräsident Dr. Georg Butterwegge wusste aus seiner waidmännischen Ausbildung zu berichten: „Frettchen werden ja auch seit Jahren sehr erfolgreich bei der Jagd eingesetzt, beim sogenannten frettieren – dabei spüren sie in ihrer spielerischen Art viele Tierarten auf.“

„Allerdings sind Frettchen deutlich leichter und kleiner als Hunde und können somit auch in Trümmergebieten arbeiten, die für Hunde unzugänglich sind und brechen dadurch auch nicht in eine fragile Eisdecke ein. Sie können darüber hinaus auch viel leichter, schneller und ökonomischer zum Einsatzort gebracht werden und benötigen weitaus weniger Futter.“ So brachte Krampe die mannigfaltigen Vorteile auf den Punkt und brachte sich damit als erfahrerer Rotkreuzler und Vater der neuen Fachgruppe ungewollt in die „Pole-Position“ zur Ernennung zum Fachdienstleiter Biologische Ortung und zukünftigen Führer der Rettungsfrettchenstaffel.

„Bei der Ausbildung konnten wir uns einiges von den Rettungshunden abschauen, allerdings musste das pädagogische Training komplett umgestellt werden.“ erklärt Fachberater Ausbildungen Kai-Uwe Lemke, der natürlich auch von Anfang an mit im Boot war. Da es keine auf Rettungsfrettchen ausgerichtete Ausbildungs- und Prüfungverordnung gab, mussten die Tiere die gleichen harten Anforderungen erfüllen, wie ihre hündischen Kollegen auch – im behördendeutsch spricht man von biologischen Ortungseinheiten. Da dabei das Tier nicht näher spezifiziert ist, konnten sich Krampe und sein Team auf diese fundierte und seit Jahrzehnten erprobte Grundlage berufen.

Schnell begeisterten sich weitere Helferinnen und Helfer dafür, ein Frettchen bei sich zu beherbergen und mit der umfangreichen Ausbildung zum Rettungsfrettchenführer zu beginnen. Anfangs wurden die Tiere bei gemeinsamen Spaziergängen im Herrenholz an den Umgang mit Menschen und den anderen Frettchen gewöhnt, danach wurden sie mit tierpädagogischen Kniffen davon überzeugt, dass alle Menschen mit ihnen spielen wollen. Daraus resultierend suchen sie auch die verschütteten oder verschwundenen Menschen, in der Hoffnung, weitere Spielkameraden aufzuspüren.

Anfang August ging es dann ans Eingemachte: Paschulke und Krampe passten die Ausbildungsunterlagen und die Trainingsmodule der Rettungshundestaffeln des Deutschen Roten Kreuzes an die Frettchenschulung an, außerdem hatte der Fachberater Tiergesundheit den angehenden Rettungsfrettchenführerinnen und –führern den aktuellen Wurf aus seiner Zucht überlassen.

Caroline Wattenberg, die eifrigste Schülerin des Wittener Ausbilderteams  hat ihren Frettchenrüden Henry getauft. In der vergangenen Woche waren die beiden auch das erste Team, das erfolgreich die Prüfung vor der Rettungshundeprüfungskommission des Landesverbandes Westfalen-Lippe erfolgreich abgelegt hat.

Sanitäterin Jaqueline Dau mit Schützling Horst und Rettungshelfer Jannis Limhoff mit Frettchenfähe Helga stehen ebenfalls kurz vor dem Abschluss der Ausbildung.

„Tief beeindruckt ist nicht nur die Kreisrotkreuzleitung, dass schon nach zehn Monaten die ersten Zertifikate überreicht werden konnten und unsere Rettungsfrettchenstaffel damit schon mit dem ersten Team, begleitet vom Führungstrupp und dem Trupp Technik und Sicherheit der Einsatzeinheit im Inland in den Einsatz gehen könnte. Unsere Fachkräfte stehen damit dem Ennepe-Ruhr-Kreis, dem Landesverband und dem Generalsekretariat des Deutschen Roten Kreuzes jederzeit zur Verfügung, eine offizielle Indienstellung soll am morgigen Freitagabend in einer Feierstunde am Kreisverband durch den Landrat erfolgen.“ so Kreisrotkreuzleiterin Tanja Krok am Donnerstagabend während der letzten Vorbereitungen in der DRK Zentrale an der Annenstraße.

Große Synergien ergaben sich außerdem aus der Zusammenarbeit mit der neu gegründeten Kochgruppe des Kreisverbandes. „Aus ausführlichen Recherchen weiß ich, dass konzentrations- und leistungsfördernde Frettchennahrung am besten frisch im Einsatz aus einigen wenigen Zutaten zubereitet wird. Das geht natürlich hervorragend mit der Feldküche; schnell, zuverlässig und hygienisch einwandfrei!“ erklärt Kai Kellner, Truppführer der Feldköche. Auch Feldkoch Sven Röder, der in der Vorbereitung acht verschiedene Rezepturen ausprobiert hat, ist sich sicher, dass sich die Effizienz der Rettungsfrettchen durch ausgewogene und qualitativ hochwertige Einsatzschnellverpflegung, die aber nicht teuer sein muss, noch steigern lässt und ist mit dem gesamten Team hoch motiviert, die Rezepte noch weiter zu verfeinern.

„Als Fernziel streben wir an, uns von der INSARAG und der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften als erste „ERU (Emergency Response Unit, Red.) Rescue-Ferrets (SAR)“ für den internationalen Einsatz akkreditieren zu lassen.“ so Krok weiter. Und das könnte schon bald der Fall sein, denn Helga, Horst, Hieronymus und Holger machen große Fortschritte, wie Dr. Klaus-Dieter Paschulke Krampe und seinem Team bescheinigt.

Über Verstärkung freut sich die neu gegründete Fachgruppe Biologische Ortung des Deutsches Roten Kreuzes in Witten jederzeit. „Tierfreunde sind jederzeit eingeladen, zu unseren Übungsabenden auf der eigens eingerichteten Trümmerstrecke auf dem Hof des DRK Geländes an der Annenstraße zu kommen oder uns auf dem Hohenstein zu besuchen, dort finden die Ausbildungen in der Flächensuche statt – der Besitz eines Frettchens ist natürlich keine Vorraussetzung!“ so Kreisrotkreuzleiter Wilm Ossenberg-Franzes. (Email: Rettungsfrettchenstaffel@drk-witten.de oder Telefon: 02302/1666)

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